"Denn dein ist das Reich..." (Unser Vater, Teil 8)
Shownotes
Ein kurzes Video zu dieser Folge findest du auf YouTube.
Der Schluss steht so nicht in der Bibel 🤯 Jedenfalls nicht dort, wo der Rest des Gebets steht: „Denn dein ist das Reich…“ etc. stammt aus dem Alten Testament. Die Worte stehen in 1. Chronik 29,11.
Doch dieser Schluss gehört seit dem 1. Jahrhundert zum Gebet. Warum? Weil es üblich war, ein Gebet mit einem Gotteslob abzuschliessen. ✨
Die Worte klingen nach Glanz und Gloria, nach einem erhabenen König. Deswegen gibt es dazu auch Kritik - doch die Bibel bricht schon selber mit diesem Königsbild: Wie, erklärt Evelyne Baumberger vom RefLab im Podcast. 🙏💛
📢 Was bedeutet dieser Schluss für dich? Schreib’s in die Kommentare! 👇
Transkript anzeigen
00:00:00: Hallo und herzlich willkommen zurück am Lagerfeuer zur zweitletzten Folge zum Unser Vatergebet.
00:00:05: Diesmal schauen wir uns die allerletzten Zeilen dieses bekannten Gebet an und wir merken,
00:00:11: dass diese Zeilen gar nicht in der Bibel stehen.
00:00:13: Wo kommen denn diese Worte her und warum haben sie sich durchgesetzt?
00:00:17: Darum geht es in der heutigen Folge und auch vor allem, was bedeuten denn diese Worte?
00:00:21: Denn dahin ist das Reich und so weiter.
00:00:26: Unser frei im Himmel, das Lagerfeuer für Nomadenkristin.
00:00:31: Wenn du das Unser Vatergebiet in der Bibel nachlesen gehst, entweder bei Mateus Kapitel 6
00:00:46: oder bei Lukas Kapitel 11, dann wirst du feststellen, dass das Ende, das wir kennen,
00:00:51: dort gar nicht drinstehen.
00:00:52: Denn dahin ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit armen steht dort nicht.
00:00:58: Weil Mateus endet das Gebet mit "Erlöse uns von den Bösen" und bei Lukas sogar noch früher,
00:01:03: nämlich "Führe uns nicht in Versuchung" und dann ist fertig.
00:01:07: Kein armen, keine Schlussworte, kein Dankeschön.
00:01:10: Einfach fertig.
00:01:11: Aber schon im ersten Jahrhundert gibt es Texte, wo man sieht, dieses Gebet wurde immer mit den Worten,
00:01:18: die wir heute kennen, ergänzt.
00:01:20: Es war einfach üblich, dass ein Gebet so abgeschlossen wurde, dass man Gott noch einmal lobt und preist.
00:01:27: Das war im jüdischen Gemeindeleben die Gebetform.
00:01:31: Man nannte das später eine Doxologie, kommt von Doxa, Herrlichkeit.
00:01:35: Also man lobte noch einmal die Herrlichkeit Gottes.
00:01:39: Und die älteste Version dieses Textes, den wir heute kennen, stammt aus der sogenannten "Die Daché".
00:01:45: Ich habe das in der ersten Podcastfolge zum Unser Vatergebiet auch schon erwähnt.
00:01:48: Die "Die Daché" war quasi eine Anleitung zum christlichen Glauben.
00:01:52: Die ist schon im ersten Jahrhundert nach Christus entstanden, also schon ganz früh und ganz nah dran,
00:01:58: an den biblischen Texten, wie wir sie heute haben.
00:02:01: Und dieser Schluss, der wurde nicht einfach hin zugedichtet, sondern der steht tatsächlich auch in der Bibel
00:02:06: einfach an einem ganz anderen Ort, nämlich im alten Testament, im Buch "Chronik, zweite Chronik" Kapitel 29, Vers 11.
00:02:15: Da steht dieser Vers.
00:02:17: * Schrei *
00:02:18: Jetzt könnte man meinen, wenn dieser Vers erst später, in Anführungszeichen, viel später, war es ja nicht.
00:02:26: Aber nicht in den Jesus-Worden übertragen wurde, sondern dazugekommen ist, dann ist das vielleicht nicht so wichtig.
00:02:33: Dann ist das einfach so eine Floskel, vielleicht auch so ein Ornament, eine Verzierung zum Schluss.
00:02:39: Und so klingt es dann manchmal auch, wenn man in der Kirche das unser Vater bietet,
00:02:43: dann das der Schluss einfach noch, ja, der kommt halt auch so.
00:02:46: Man ist vielleicht bei der Versuchung hängen geblieben oder beim Bösen oder im Hinteren Gedanken überhaupt woanders.
00:02:51: Und dann kommt dann noch das Reich und die Kraft und die Helligkeit, die Ewigkeit, Armen.
00:02:55: So klingt das dann manchmal.
00:02:58: Dabei gibt dieser letzte Teil den Rahmen des Gebetes.
00:03:01: Es ist wie bei einem Brief, die Anrede und die Unterschrift, die zusammengehören und die das auch als Brief signalisieren.
00:03:09: Wir hatten die Anrede, unser Vater.
00:03:11: Und jetzt am Schluss wird noch einmal gesagt, wer ist denn dieser Gott, zu dem wir beten?
00:03:16: Darauf weist das Wörtchen "denn hin".
00:03:18: Das ganze am Anfang dieser Zeilen steht "denn".
00:03:21: Der eine ist das Reich, es liefert also hier eine Begründung.
00:03:25: Denn weil, warum beten wir überhaupt zu Gott, warum können wir diese Bitten und diese Gebete überhaupt an Gott richten?
00:03:32: Weil Gott eben die Realität ist, in der wir leben, in der wir geborgen sind und weil Gott eben das hat,
00:03:39: was in diesen Zeilen genannt wird, nämlich die Kraft und die Macht.
00:03:43: Und weil Gott es würdig ist, dass man zu ihm betet, dass Gott vertrauenswürdig ist,
00:03:48: auch dass man die persönlichen Bitten an Gott richtet und so weiter.
00:03:53: Im alten Testament an dieser Stelle im ersten Buch "Chronik" stehen noch mehr Begriffe.
00:03:58: Und wenn man da zurück zu den sprachlichen Wurzeln geht, dann merkt man,
00:04:02: dass hat ganz viel mit Glanz und Gloria zu tun.
00:04:05: Da steht Glanz, schwere Gewicht, Majestät, Glitzer, Herlichkeit, Ruhmsieg, Ewigkeit, Hoheit.
00:04:14: So diese Begriffsfelder kommen davor.
00:04:17: Da hat man dann sehr schnell das Bild eines Königs oder einer Königin mit Krone,
00:04:21: mit viel Schmuck, mit prächtigen Gewändern, mit einem Hofstart und so weiter und so fort.
00:04:26: Und das war ja auch lange ein Bild von Gott, dass man hatte, also dass man Gott als König verehrt hat.
00:04:33: Das ist auch in der Bibel sehr präsent.
00:04:36: Das sind aber auch Begriffe, die dominant ausstrahlen und eben eine Macht, die teilweise auch missbraucht wurde.
00:04:47: Gender-sensible Übertragungen des unserer Fahrt, das haben darauf hingewiesen und zum Beispiel
00:04:52: die Begriffe "Herlichkeit mit Zärtlichkeit" ersetzt oder "Macht mit Fülle".
00:04:59: Ob das nötig wäre, da werde ich jetzt ein Fragezeichen setzen, weil die Bibel bricht ja schon selber
00:05:05: mit dieser Dominanz und mit diesem Herrschaftsbild.
00:05:08: Da gibt es nämlich im neuen Testament einen ganz großen Kontrast Jesus Christus als König.
00:05:14: Als Jesus am Kreuz hing, ihr kennt diese Geschichte, da hing er und da wurde ihm ein Schild ans Kreuz genagelt,
00:05:22: worauf stand Jesus von Nazareth König der Juden.
00:05:25: Also wenn ihr auf Alten gemäelt, zum Beispiel dieses Schild seht, "INRI", dann ist das genau diese Abkürzung
00:05:32: "Jesus Nazarenus Rex Judaurum", "Jesus von Nazareth König der Juden".
00:05:38: Es ist völlig klar, dass das eine absolute ironische, sakastische oder sogar spöttische
00:05:44: Schiste war, einen Menschen, der Elend leidend am Kreuz hing, als König zu bezeichnen.
00:05:50: Der Bayern König wäre es nie so weit gekommen, wenn seine Sohn
00:05:55: seine Armee sich für ihn gewährt hätte. Und Jesus ist aber, und damit meine ich auch den Bruch,
00:06:01: Jesus ist eine andere Art von König. Das war ja damals auch schon schwierig für die Menschen,
00:06:06: für seine Jüngerinnen und Jünger, damit umzugehen, dass sie als Messias jemanden erwartet hatten,
00:06:12: der der römischen Besatzung ein Ende macht und zwar auch mit militärischen Mitteln. Das gab es
00:06:18: auch durchaus. Damals solche Aufstände zum Beispiel am bekanntesten der Maccabeea Aufstand,
00:06:23: also rund um die Zeit, wo Jesus gelebt hatte, gab es immer wieder Aufstände aus der jüdischen
00:06:31: Bevölkerung, wo man sich gewährt hat gegen die Besatzung. Und dann kam aber nicht diese Art von
00:06:36: Messias, sondern ein Messias der Friedenbredigte. Ein Messias der Bredigte, wenn du auf die
00:06:42: eine Wange geschlagen wirst, dann halt auch die andere Wange hin. Ein Messias der Bredigte,
00:06:46: dass man solidarisch sein soll, mit den Armen, mit den Ausgegrenzen, mit den Kranken, mit den
00:06:51: weisen Kindern und mit den Witwen. Also mit den Menschen, die schwach sind in der Gesellschaft
00:06:58: oder die am unteren Ende der Gesellschaft sind. Ein Messias, der sich dann konsequenterweise für
00:07:04: seine Botschaft auch selber schwach machen ließ, also der da am Kreuz ganz elend litt und starb.
00:07:11: In der Wiebel selber wird das auch explizit gemacht. Diese Verwirrung oder dieser Bruch. Paulus
00:07:16: schreibt ja zum Beispiel an einer Stelle, dass die Lehre vom Kreuz von außen betrachtet eine
00:07:21: Tuhrheit sei eine Dummheit. Und auch später wurde das immer wieder kritisiert am Christentum, am
00:07:27: prominentesten vermutlich Friedrich Nietzsche, der das als Sklavenmoral bezeichnete. Aber es ist
00:07:34: die Identität Gottes. Also die ersten Christinnen und Christen, die das unser Vater beteten,
00:07:40: die wussten um diesen Bruch, die wussten um die Herrlichkeit Gottes, die sich auch in Jesus am Kreuz
00:07:47: zeigte. Und dann aber auch noch prominenter in der Auferstehung, also in dieser Überwindung,
00:07:52: der Macht des Todes, die für die Menschen dann auch das Signal dafür war, dass Gott eben stärker
00:07:58: ist als alles, was man sich vorstellen kann. Die ersten Christinnen und Christen haben also
00:08:06: den König angebätet mit Glanz und Macht und Herrlichkeit, der so vertrauenswürdig ist, dass
00:08:12: er sich für sein Volk aufopfert. Der gerade mit dieser Schiste seiner Macht beweist, dass er
00:08:18: sich freiwillig unterwirft und aufopfert für seine Freunde aus Liebe. Und gleichzeitig war Jesus
00:08:25: ja Gott selbst, der sogar vom Tod zurück ins Leben kam. Das ist die Herrlichkeit Gottes,
00:08:30: die Herrlichkeit des neuen Lebens und unvergleichlich. Vielleicht war es ja gerade dieser Kontrast,
00:08:37: der die Menschen so angesprochen hat und dazu geführt hat, dass man bis heute in Kirchen
00:08:42: steht, wo vorne Darstellungen des gekreuzigten Jesus zu sehen sind, seines in Kirchenfenstern
00:08:49: oder seines in den punkvollen katholischen Barockkirchen auch Darstellungen aus Marmor und
00:08:55: und Skulpturen. Und gleichzeitig kann man beten, denn dein ist die Kraft und die Macht
00:09:00: und die Herrlichkeit. Dass dieser Bruch auch genau das ist, was das Christentum ausmacht.
00:09:06: Dass eben diese Werte von Glanz und Herrlichkeit nicht die Werte der Welt sind, sondern ganz
00:09:12: andere Maßstäbe Gottes. Und so sagt man am Schluss des Gebetes, des Vater Unser Gebetes,
00:09:17: noch einmal zu wem, dass man betet. Und man sagt damit auch aus, wer Mann ist im Verhältnis
00:09:24: zu dieser Macht, dieser Kraft, diesem Gott, den man anbetet. Am Anfang wurde gesagt, dass
00:09:29: Gott unser Vater ist. Also man sagt, wir sind vertrauensvolle Kinder, die zu dir kommen
00:09:35: mit unseren Bitten und Anliegen. Und am Schluss wird auch noch einmal ein Identitätsfenster
00:09:41: aufgetan. Also wenn Gott die Macht und die Herrlichkeit hat, dann bedeutet das umgekehrt,
00:09:47: dass ich nicht alle Macht und Herrlichkeit habe. Ich bin Mensch und nicht Gott. Man setzt
00:09:53: sich also so selber auch noch mal in ein Verhältnis, macht so ein Realitäts-Check, ein Realitätsabgleich
00:10:00: am Ende dieses Gebetes. Und am Schluss kommt einfach noch das kleine Wörtchen Amen, was
00:10:09: so viel bedeutet, wie so sei es und auch ein typischer Gebetabschluss ist. Bis heute.
00:10:14: Übrigens haben wir uns kürzlich in meiner Kirche meinte beim Kirchen Kaffee nach einem
00:10:18: Gottesdienst darüber unterhalten, dass es eigentlich eine schöne Tradition ist, wenn
00:10:23: in eher pfinkselichen Gemeinden das Amen so aus der Gemeinde kommt. Ihr kennt das sicher
00:10:28: auch von Filmen und von Memes, auch aus der Black Church in den USA, wo Menschen immer
00:10:34: so zustimmen mit Amen und Halleluja, dass ihnen das Amen der Gemeinde gehört und nicht der
00:10:40: Pfarrerin oder der Person, die den Gottesdienst leistet. Sondern dass diese Person betet und
00:10:46: mit dem Amen durchaus auch einen Schluss signalisieren kann, aber dass es eigentlich auch schön wäre,
00:10:51: wenn das Amen dann hörbar aus der Gemeinde käme. So als Zustimmung für etwas, was
00:10:56: man aufgenommen hat von der Person, die da vorne steht. Mich interessiert jetzt, was
00:11:01: du von diesem ganzen hältst. Jetzt sind wir durch beim Unser Vater, haben alle Abschnitte
00:11:06: noch einmal angeschaut und in der letzten Podcastfolge aus dieser Serie, das war jetzt
00:11:11: noch die erste Vorletzte, geht es dann um alternative Übersetzungen dieses Gebet. Also
00:11:16: was ist davon zu halten, wenn man zum Beispiel unser Vater und unsere Mutter betet oder
00:11:22: eben wenn man Herrlichkeit durch Zärtlichkeit ersetzt. Da gehe ich dann auf alternative
00:11:26: Übersetzungen ein. Einige von euch haben mir auch solche Texte zugeschickt, die sie
00:11:31: im privaten Kontext beten um mich gefragt, was ich davon halte. So viel dann also in
00:11:37: zwei Wochen.
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